Die Faszination fürs Mittelalter ist nach wie vor bei vielen Menschen ungebrochen, wie auch das Brettener Peter-und-Paul-Fest zeigt. Im Interview äußert sich der Weingartener Stephen Dörr näher zu dieser Faszination.
Bald ist es wieder so weit – in rund zwei Monaten startet eines der prominentesten historischen Feste in unserer Region – das Brettener Peter-und-Paul-Fest. „Willkommen in der Zeit des Mittelalters, der Bürgerwehren und der Fanfarenzüge“ – so lautet die Einladung zum ersten Juliwochenende im benachbarten „Brettheim“.
Seit der Stauferausstellung in Stuttgart im Jahre 1977 und spätestens mit dem Erscheinen des Buches „Der Name der Rose“ von Umberto Eco ist das Mittelalter populär, doch die Faszination der Zeit vor rund tausend Jahren ist begleitet von Vorurteilen und einer gehörigen Portion Romantisierung. Da ist es doch naheliegend, einen profunden Kenner der Materie zu befragen: Nach dem Abitur am Durlacher Markgrafen-Gymnasium studierte der Weingartener Stephen Dörr Romanistik, Mittlere und Neue Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg und arbeitet momentan in leitender Funktion an einem Forschungsprojekt über jüdische Bibelkommentare des 13. Jahrhunderts, die in französischer Sprache verfasst, aber in hebräischen Buchstaben geschrieben wurden. Sein besonderer Schwerpunkt ist mittelalterliche Astronomie – hier stellt er sich eloquent und kompetent zugleich dem Irrglauben entgegen, dass sich die Menschen im Mittelalter die Erde als Scheibe vorstellten.
NUSSBAUM.de: Mit welchen weiteren Vorurteilen gegenüber dem Mittelalter gilt es ein wenig aufzuräumen?
Stephen Dörr: Nun, da gibt es eine ganze Reihe. Entgegen der landläufigen Meinung wissen wir inzwischen, dass die Menschen nicht so klein waren, wie wir vielleicht denken. Nicht umsonst trug einer der prominentesten Herrscher am Beginn des Mittelalters den Namen „Karl der Große“. Zwar irritieren uns die noch erhaltenen winzigen Betten aus damaliger Zeit, doch im Gegensatz zu heute existierte eine andere Schlafkultur – die Menschen ruhten im Sitzen. Nicht zutreffend ist ebenfalls die Vorstellung, dass die Menschen zerlumpt oder verwahrlost umherliefen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Mittelalter war bis ca. 1300 durch die damaligen klimatischen Verhältnisse eine Blütezeit, es war eine lustvolle und zugleich sehr lebensfrohe Ära.
Der Einfluss der Kirche auf die Lebenswirklichkeit der Menschen wird dabei generell überschätzt. Ebenfalls wissen wir heute, dass die Welt des Mittelalters keinesfalls abgeschlossen war, sondern dass frühe Formen des Welthandels und dynamische Migrationsbewegungen präsent waren. Verabschieden sollten wir uns außerdem von der Vorstellung des Mittelalters als einer homogenen Ära. Große Unterschiede bestanden nicht nur zwischen dem Früh-, Hoch- und Spätmittelalter, sondern auch den einzelnen Regionen Europas. Die Zeit von der Regentschaft Karls des Großen bis zu der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 war facettenreich. Eines steht jedoch fest: Es existierte eine durchaus illiterate Gesellschaft, die wenigsten Menschen konnten schreiben und lesen.
NUSSBAUM.de: Unser Weingarten feierte im Jahr 1991 sein tausendjähriges Bestehen. Im Gegensatz zu anderen bereits im Mittelalter existierenden Siedlungen finden sich jedoch nur wenige bauliche Relikte aus damaliger Zeit. Woran liegt das?
Dörr: In dieser Frage sollte man wohl etwas genauer hinschauen. Der Grundschulkeller dürfte mit Sicherheit mehr als tausend Jahre alt sein, nicht weit davon wurden am „Lepfuß“, also am heutigen „Alten Friedhof“, Gräber aus alemannischer Zeit vorgefunden. Man kann davon ausgehen, dass Weingarten also schon sehr viel früher existierte, jedoch nur noch nicht urkundlich erwähnt wurde. Die fruchtbaren Lößböden sowie die sonnenbeschienenen in Ost-West-Richtung verlaufenden Taleinschnitte von der Rheinebene in den Kraichgau waren für eine Besiedelung und landwirtschaftliche Nutzung geradezu prädestiniert, hinzu kommt der stets wasserführende Walzbach, der eine wichtige Entsorgungsfunktion sicherte und unerwünschtes Material mit sich nahm. Nicht umsonst war ein Großteil der örtlichen Metzgereien am Bachlauf zu finden. Der Pfälzische Erbfolgekrieg hatte jedoch durchaus den Charakter eines Vernichtungsfeldzugs und zerstörte unser vermutlich bis dahin blühendes Weingarten bis auf die Grundmauern.
NUSSBAUM.de: Historische Märkte, Hildegard von Bingen, Kochen wie im Mittelalter – wie kann man sich die Anziehungskraft der Zeit vor rund tausend Jahren für uns Menschen in der Gegenwart erklären?
Dörr: Zunächst lässt sich feststellen, dass Deutschland über lange Zeit eine führende Stellung in der Philologie und in der Mediävistik einnehmen durfte. Leider ist davon nicht mehr viel übrig. Dies ist der wissenschaftliche Aspekt. Aus meiner Sicht sind jedoch auch die Menschen über die Jahrhunderte gleichgeblieben, nach wie vor werden sie von den immer gleichen Mustern in den Bann gezogen, und die heißen unverändert physische Kraft, Macht, Geld und erotische Ausstrahlung. Auch die Intelligenz hat sich wohl kaum weiterentwickelt.
Von der Zeit, über die wir gerade sprechen, trennen uns gerade mal fünfundzwanzig Generationen, das ist nicht sehr viel. Schon immer wollten die Menschen einen Blick in die Zukunft werfen, um dadurch einen persönlichen Vorteil gewinnen zu können. Dies geschieht heute eben nicht mehr durch Karten- oder Steinelegen, sondern durch Computermodelle. Die endlose Reihe der Mysterybücher von König Arthur beginnend bis zu der Serie „Game of Thrones“ bedient also zugleich die uns innewohnenden Sehnsüchte und wohl auch den Wunsch nach einer gewissen Einfachheit in einer zunehmend komplexer sich gestaltenden Lebenswirklichkeit.
NUSSBAUM.de: Das Mittelalter war aber nicht nur Ritterspiel und Minnesang, sondern durch das Fehlen technischer Hilfsmittel für das einfache Volk ein hartes Dasein. Auch wenn sich viele von uns nach einem Leben im Einklang mit Natur und Jahreszeiten zurücksehnen – was waren die größten Erschwernisse in früherer Zeit?
Dörr: Wie so oft hat sich auch im Mittelalter ein enormer Vorteil im Laufe der Zeit zu einer Belastung entwickelt. Bedingt durch die günstigen klimatischen Verhältnisse kam es zu einem enormen Bevölkerungswachstum und damit auch zu Wanderungsbewegungen in die Städte, in denen die hygienischen Umstände die Verbreitung von Krankheiten begünstigten. Der Ausbruch der Pest im Jahre 1348 und deren Vordringen über unseren ganzen Kontinent war eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes und raffte nicht nur ein Viertel der damaligen Bevölkerung dahin, sondern stellte gleichzeitig Wirtschaftsformen und Wertesysteme infrage. In diese Epoche wird sich wohl niemand zurückwünschen.
NUSSBAUM.de: Welche Buchempfehlung gibt es für die Leser der Weingartener Woche, die sich intensiver mit der faszinierenden Welt des Mittelalters beschäftigen möchten?
Dörr: Gleichzeitig wissenschaftlich anspruchsvoll und gut verständlich sind die Werke „Einladung ins Mittelalter“ von Horst Fuhrmann und „Die Welt des Mittelalters – Barbaren, Ketzer und Artisten“ von Arno Borst. Beide Ausgaben sind auch günstig antiquarisch erhältlich. Wenn man etwas tiefer einsteigen möchte, empfehle ich „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor“, ein detailreiches Sittengemälde der damaligen Zeit. Darüber hinaus findet man derzeit eine Fülle an Kochbüchern, die uns die farbenfrohe und sinnenfreudige Küche der damaligen Zeit wieder etwas näherbringen.
NUSSBAUM.de: Also eine Abkehr von Pizza und Pasta?
Dörr: Auch in kulinarischer Hinsicht gilt: Es hat alles seine Daseinsberechtigung.
Das Gespräch mit Stephen Dörr führte unser freier Mitarbeiter Matthias Görner.