
Besucher der jüngsten Vernissage erlebten vergangene Woche die wohl persönlichste Ausstellungseröffnung der gesamten Historie der Galerie im Schloss. Im Mittelpunkt: Werke von Vlastimil Heinikel alias Loco. „Farbe als Medium des Ichs“ heißt die Ausstellung. Bemerkenswert ist sie nicht einzig wegen der Exponate, sondern vor allem wegen der Geschichte des Künstlers.
Vlastimil Heinikel steht im Dachgeschoss des Rathauses und schaut auf ein Bild. Der Blick ist ein Fall ins Schwarze, aus dessen Mitte ein weißes Etwas sich abhebt. „Das ist die dunkelste Seite meiner Seele“, sagt Heinikel. Und darin sei etwas Helles, das es sich erlaube zu wachsen. Die schwarze Seele. Die Depression. Aus ihr heraus beginnt Heinikel 2018 mit dem Malen. Es ist der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, der ihn mit Farbe und Leinwand zusammenbringt. Die ersten Versuche von Mitpatienten wehrt er ab. Er könne nicht malen, habe kein Talent. Kann er doch. Hat er doch. Vergangenen Donnerstag steht Vlastimil Heinikel inmitten von 42 Exponaten, die in der Galerie im Schloss über drei Etagen hängen. Und er eröffnet im Gewölbekeller des Rathauses seine eigene Ausstellung. Er tue verrückte Dinge, auch in der Kunst, sagt er an diesem Abend. Das erkläre auch seinen Künstlernamen, den letztlich eine Freundin aufbringt: Loco. Das spanische Wort für verrückt.
Zu finden ist der Name auf seinen Werken nur selten. Zu dem Verrückten gehört für ihn auch, dass er Betrachtern und Käufern seiner Kunst keine Vorschriften macht, in welcher Ausrichtung ein Bild zu hängen hat. Ein Schriftzug stört da nur. „Drehen Sie das Bild einfach um und schauen Sie, was neu entsteht“, lädt er dazu ein, sich jede Freiheit mit Blick auf seine Werke zu nehmen. Es ist eine Freiheit, die sich der Künstler selbst laut Sabine Nickel, die in die Ausstellung einführt, hart erarbeiten musste. Nickel ist 2018 Mitpatientin. Sie erlebt sein Wachstum in die Kunst hinein. „Es war ein Schauspiel zu sehen, wenn du direkt ausdrücktest, was in dir vorging“, beschreibt sie Heinikels Tun als „Flow“. In diesem Flow entstehen in den zehn Wochen seines Klinikaufenthalts laut ihm 70 Bilder. „Es kommt aus mir heraus. Es ist Ausdruck des Zustands – oder der Leere“, beschreibt der Künstler seine Werke. Was aus ihm herauskommt, ist vielfältig. Farbexplosionen neben Düsternis, Verspieltes neben Klarheit, und Bewegung neben Starre. Ein Gang durch die Ausstellung des Hemsbacher Rathauses ist ein Streifzug entlang der Gefühlswelt Locos. Ein Streifen seiner Seele und seiner Depression und all dem, was zwischen Hell und Dunkel liegt. „Nur hier und jetzt, so entstehen meine Bilder“, gibt Vlastimil Heinikel Einblick in das, was im heimischen Wohnzimmer passiert. Wenn Farbe sich auf seinen Händen findet, er mit Acryl oder Kreide auf Papier und Leinwand bringt, was ihn bewegt. Es sei viel Emotion in den Bildern.
Beim Malen sei er einfach er selbst. „Da hat der Perfektionismus keine Chance durchzubrechen“, erzählt er im Gespräch mit der Hemsbacher Woche. Ein Perfektionismus, den er zu Beginn seines Daseins in der Kunst erstmal lernen muss zur Seite zu schieben. „Das erste Bild ist im Müll gelandet“, gesteht er. Es genügte seinen Ansprüchen nicht. Ganz oben im Dachgeschoss, versetzt von dem Werk mit dem tiefen Schwarz seiner Seele, hängt das zweite Bild, das er 2018 gemalt hat. „Das konnte ich akzeptieren“, sagt er. Dreifarbig ist es. Sie sind in Balken aufgeteilt. Sehen, sagt Heinikel, könne er in seinen Bildern nichts. Es sei Farbe auf Untergrund. Dass andere es können, berührt ihn zutiefst. Zu spüren ist das, als er die Geschichte von Hanna erzählt. Eine Mitpatientin. „Suizidgefährdet. Wie ich.“ Es sind so entblößende wie deutliche Sätze, die Heinikel wählt, um zu unterstreichen, aus welchen Tiefen seine Kunst entstanden ist. Hanna schenkt er eines seiner Werke. Sie sagt ihm, dass, wenn es wieder „so Zeiten gibt“, sie dieses Bild betrachte. Und das Leben wieder einen Sinn habe. Für Vlastimil Heinikel ist es Bestätigung, dass seine Kunst etwas bewirkt, dass sie Halt gibt. So wie sie auch ihn hält. „Ich vergesse immer mal wieder, dass es mir so viel gibt, wenn ich male“, sagt er fast schon ein bisschen erstaunt über sich selbst, ehe er die Besucher des Gewölbekellers einlädt zum Schauen. Fühlen. Und Suchen.
Die Ausstellung von Vlastimil Heinikel ist bis zum 13. März zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen. (cs)