
„Frauen hat man lange von wissenschaftlichen Studien ausgeschlossen“, sagt Professor Dr. Bernd-Dieter Gonska. „Deshalb hat man wichtige Aspekte übersehen.“
Diese Erfahrung gibt er in einem Vortrag bei junge alte im Rahmen der Evangelischen Erwachsenenbildung im Durlacher Gemeindezentrum Am Zwinger weiter. Er spricht über „Frauenherzen schlagen anders - Über das kardiovaskuläre Risiko bei Frauen“.
Professor Bernd-Dieter Gonska war von 1995 bis 2020 Direktor der Klinik für Kardiologie, Intensivmedizin und Angiologie der ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe und ist der Leiter der DRK-Medizinakademie. Als Internist und Kardiologe hat er die Spezialgebiete klinische und interventionelle Kardiologie und Elektrophysiologie.
„Das Herz ist ein Hohlmuskel“, so Prof. Gonska weiter. „Es zieht das Blut mit den Herzklappen als Ventile an, pumpt es durch die Gefäße, versorgt die Organe mit Sauerstoff und arbeitet selbstständig durch einen elektrisch gesteuerten Rhythmus. Jedes dieser vier Elemente könne einzeln oder in Kombination zu Erkrankungen führen. Unterschiede ergeben sich infolge der unterschiedlichen vegetativen und hormonellen Steuerung bei Frauen und Männern.
Bis zur Menopause seien Frauen durch ihre körpereigenen Hormone Progesteron und Östrogen eher als Männer vor einem Herzinfarkt geschützt. Ein wesentlicher Risikofaktor für Frauen sei in und nach der Menopause Hypertonie, also Bluthochdruck. Die durch die Hypertonie verursachte Herzmuskelbelastung könne zu Herzrhythmus- und Durchblutungsstörungen, Gefäßverengung und Schlaganfall führen. Der Herzmuskel verdicke sich, die Herzkranzgefäße würden jedoch nicht mitwachsen, weshalb das Herz nicht mehr gut versorgt sei. Außerdem hätten Frauen als Folge von häufigerem Bluthochdruck mehr geschädigte Vorhöfe, was zu Vorhofflimmern führen könne. „Ein dickes Herz kann sich gut zusammenziehen, ohne sich zu füllen“, sagt er. „Das führt jedoch zu Atemnot“. Atemnot ist das bei Frauen typischere Symptom für einen Infarkt. Frauen hätten auch feinere, dünnere Gefäße. Eine weitere, eher bei Frauen auftretende, Ursache seien die Stresshormone, die zu Verkrampfungen der Herzgefäße führe. Bei Laboruntersuchungen sollte als wesentlicher Blutwert der Brain Natriuretic Peptide-, kurz BNP-, Wert, erhoben werden und bei Herzinfarktverdacht das Troponin.
„Weitere Risiken sind Diabetes, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen und Nikotin“, so der Referent. „Nikotin steigert alle Risiken um 50 Prozent.“ Ein Herzinfarkt trete dann statistisch gesehen früher auf.
Grundsätzlich nähmen Frauen eigene Erkrankungen anders wahr als Männer. Sie seien eher so eingestellt, dass sie nicht krank würden und für andere da sein wollten. Außerdem seien Frauen weniger schmerzempfindlich als Männer. Statistiken zeigten auch, dass bei Frauen häufiger als bei Männern zu spät der Arzt geholt werde. „Innerhalb einer Stunde muss ein Gefäß wieder offen sein“, sagt er. „Frauen werden außerhalb der Kliniken weniger reanimiert als Männer.“ Es gebe noch keine Erklärung dafür, wieso das so sei. Außerdem hätten, rein statistisch, Frauen bei einem Infarkt geringere Überlebenschancen, wenn sie von einem Arzt anstatt von einer Ärztin behandelt würden.
Obwohl Frauenkörper andere Fett- und Wasseranteile als Männer hätten, erhielten sie die gleichen Medikamente. Die Verstoffwechselung der Medikamente könne bei Frauen anders sein. Es würden bei ihnen viele Stoffe, etwa Benzodiazepine, langsamer abgebaut, daher bräuchten Frauen oftmals eine geringere Medikamenten-Dosis. (rist)