
Blechbläser in schrillen Kostümen, absichtlich leicht schräg gespielte Melodien und mitreißende Rhythmen – das ist Guggenmusik. Bei den Fasnachtsumzügen landauf, landab sind die bunten Lärmkapellen längst nicht mehr wegzudenken. Sie gehören einfach zum Faschingstreiben dazu, wie Häs, Kamelle und Konfetti. Was einmal als chaotischer Lärmzug zur Geisteraustreibung begann, hat sich über ein Jahrhundert hinweg zur ge- und beliebten Tradition entwickelt. Ein Blick zurück.
Schon im 16. Jahrhundert zogen die Menschen zur Fasnachtszeit lärmend mit Kuhhörnern, Rasseln, Trommeln, Blecheimern und Pfeifen umher, um den Winter auszutreiben. Diese frühen „Katzenmusiken“ waren absichtlich laut, schräg und improvisiert – genau der richtige Krach, um böse Dämonen zu verschrecken und dem grimmigen Winter den Garaus zu machen. Auch Verkleidungen mit alten Lumpen, Fellen und Pelzen gehörten dazu, um den Umzug möglichst skurril wirken zu lassen, oder um selbst eine möglichst furchteinflößende Figur abzugeben, der selbst den ärgsten Teufel in die Flucht schlägt.
Wo der Name herkommt, das lässt sich bis heute nur vermuten: Vielleicht von „Gugge“ (Gucke, Guck), dem alemannischen Begriff für Tüte – wegen den Blasinstrumenten? Oder wurde gar in spitze Papiertüten geblasen? Eine andere Vermutung ist, dass die Tüten Teil des Kostüms der ersten Guggenmusiker waren – spitz auf dem Kopf vielleicht? Im Schwyzerdütschen, der Heimatsprache der Guggenmusik, ist ein „Güggli“ eine Kindertrompete, wie man sie vom Jahrmarkt kennt, ein „Güügger“ mancherorts ein „Schreihals, Lärmer, schlechter Trompeter“. Und der Begriff „Gugge“ bezeichnet bei unseren Nachbarn einfach alle Arten von Blechblasinstrumenten.
Um die Ursprünge der „modernen“ Guggenmusik zu erkunden, braucht es einen (Narren-)Sprung „über den Rhein“ in die Schweiz. Genauer: nach Basel. Dort waren ab den 1870er Jahren auch Blaskapellen Teil des „Morgenstreichs“. Um 1900 begannen in der Fasnachtshochburg erste Gruppen, mit Blasinstrumenten bewusst „falsch“ und närrisch-überdreht zu musizieren. So tauchte der Begriff „Guggenmusik“ 1906 erstmals im offiziellen Programm der Basler Fasnacht auf. Ab 1934 nutzten Basler Guggenmusikanten den sonst stillen Fasnachtsdienstag für ohrenbetäubende Auftritte – was als Nischenulk begann, wurde bald zum Markenzeichen der Basler Fasnacht, bis heute.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schwappte das Guggenmusik-Fieber aus der Schweiz nach Süddeutschland. 1953 entstand in Lörrach die erste deutsche Guggenmusik-Gruppe, weitere folgten bald darauf (etwa 1959 in Istein). Auch in Oberschwaben gab es schon früher ähnliche Lärm-Traditionen: sogenannte Lumpenkapellen oder Katzenmusiken, die vom Grundgedanken her vergleichbar waren.
In den folgenden Jahrzehnten breitete sich die Bewegung rasant aus – heute hat praktisch jede Fasnachtshochburg in Baden-Württemberg ihre eigene Guggenmusikkapelle. Von Laien-Gruppen über besondere Musikvereine reicht die Bandbreite hier. 1989 schlossen sich am Hochrhein sieben Kapellen zum ersten Guggenmusik-Verband zusammen; aus diesem regionalen Bündnis entstand bis 2001 der Deutsche Guggenmusikverband e.V. Sogar Wettbewerbe und Großkonzerte kamen hinzu: Mehrfach wurde im Europa-Park Rust ein „Guggenmusik-Meister“ gekürt, und das jährliche internationale Guggenmusik-Treffen in Schwäbisch Gmünd zieht zehntausende Fans aus vielen Ländern an.
Aus den einst chaotischen Lärmorchestern sind in vielen Fällen eindrucksvolle Showkapellen geworden. Zwar wird immer noch mit Absicht schräg gespielt, doch moderne Guggenmusiker gehen mit erstaunlichem Können ans Werk: Mehrstimmig arrangierte Hits dominieren heute das Repertoire, vorangetrieben von treibenden Percussion-Beats und dem Rasseln von Tambourinen. Neben den traditionellen Instrumenten wie Trompete, Posaune, Saxophon oder Tuba finden sich auch Exoten wie Dudelsäcke, das Sousaphon oder Steeldrums.
Wo früher verbeulte Trompeten und kaum erkennbare Melodien genügten, sieht man nun glänzende Instrumente, aufwändig gestaltete Kostüme und perfekt einstudierte Choreografien, die die Stimmung bei Umzügen, Saalfasnacht und auf den zahlreichen Partys und Bällen zum Brodeln bringen. Von „Sweet Caroline“ über „An Tagen wie diesen“, „Samba die Janeiro“ oder „Freed from Desire“. Egal ob Ballermann-Hits, Schlager, Samba-Rhythmen, Volksmelodien oder Pop-Songs: Eine gute Guggenkapelle zieht im Repertoire alle Register. Hauptsache ist: Die Stimmung beim Publikum ist spitze.
Und das alles ist für die Guggenmusizierenden ganz schön viel Arbeit: Gerade professionelle Kapellen sind in der Hochzeit der Saison im Akkord unterwegs, mehrere Auftritte am Tag an unterschiedlichen Orten sind hier keine Seltenheit – wer einmal eine Guggenmusikkapelle bei ihrer Ochsentour begleitet hat, weiß, dass man da einen ganz schön langen Atem braucht (und auch ein wenig Durst).
Kurzum: Guggenmusik ist ein leidenschaftliches Hobby, in das die Mitglieder enorm viel Zeit investieren. Viele Gruppen proben nahezu ganzjährig für die fünfte Jahreszeit und stecken zahllose Stunden in neue Stücke, Kostüme und die Organisation der Auftritte. Bis zum eigentlichen Fasnachtsstart kommen so oft schon dutzende Proben und Termine zusammen. Die Belohnung ist ein einzigartiges Gemeinschaftsgefühl – und begeisterte Gesichter und tanzende Menschen, wenn die „Gugge“ mit voller Wucht loslegt. Kein Wunder, dass man am Hochrhein sagt, eine Fasnacht ohne Guggenmusik sei nichts wert. Genauer: Sie macht die schwäbisch-alemannische Fasnacht so wertvoll, dass sie, mitsamt ihren Bräuchen, zu denen auch die Guggenmusik gehört, seit 2014 offiziell zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands zählt. Zu Recht, wie wir finden.